EKM-Konzert im Radio

Montag, 12. April 2021
13.05 Uhr | SWR2-Mittagskonzert

Sefardische Hochzeitslieder - Kantes de boda sefardi
Ensemble La Roza Enflorese | Belgien

Mitschnitt vom 27. Juli 2016 in der Johanniskirche Schwäbisch Gmünd.

Mitwirkende
Edith Saint-Mard, Gesang
Bernard Mouton, Blockflöten, Cromorne
Romina Lishka, Viola da gamba, Fidel
Philippe Malfeyt, Vihuela, Oud
Anne Niepold, Akkordeon
Vincent Libert, Schlagzeug

Einführung
„Seid fruchtbar und mehret Euch, und füllet die Erde.“ Dieser Satz aus dem 1. Buch Mose ist eine wichtige Grundlage der jüdischen Religion und Gesellschaft. Die Ehe als Institution der Familie hat im Judentum dabei eine große Bedeutung, ein eheloser Mensch gilt als unvollkommen. Es ist ein göttliches Gebot, durch Nachkommen für den Fortbestand des Glaubens und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen.

Jüdische Brautleute dürfen sich vor der Hochzeit nicht sehen: 24 Stunden oder in strengen Gemeinden sogar eine Woche lang müssen sich die beiden voneinander fernhalten. Getrennt gehen sie zur rituellen Reinigung in das jüdische Bad (mikwe). Zudem müssen sie fasten, zumindest vom Morgen ihres Hochzeitstages an. Am Sabbat und in der Trauerzeit zwischen Pessach und Schawuot darf nicht geheiratet werden.

Die Trauungszeremonie findet wenn möglich im Freien, ansonsten in einer großen Festhalle statt. Der Bräutigam trifft sich zunächst mit den männlichen Hochzeitsgästen zum Gebet. Dann unterschreibt er in Anwesenheit des Rabbiners und zweier Zeugen den Ehevertrag (ketuba). Diese Urkunde ist in Aramäisch geschrieben und hat eine lange Tradition, die mindestens bis ins 5. Jahrhundert vor Christus zurückreicht. Der Text ist fast immer der gleiche und beinhaltet vor allem die Fürsorgepflichten des Ehemannes. Nur die Summe für die Mitgift und finanzielle Regelungen im Falle der Scheidung werden jeweils angepasst. Mittlerweile gibt es aber auch Eheverträge in liberalen Gemeinden, in denen nicht so sehr von Geld, sondern vielmehr von der gegenseitigen Übernahme von Verantwortung die Rede ist.

Dann wird der Bräutigam zur Braut geführt, die unverschleiert auf einer Art Thron sitzt. Begleitet wird er dabei von verheirateten Männern. Nachdem der Bräutigam das Gesicht der Braut verschleiert hat, wird er von seinen Begleitern unter den Baldachin (chuppa) geführt. Die vier Stangen dieses kunstvoll gefertigten Stoffdaches, welches das künftige Heim der beiden Liebenden symbolisiert, werden von unverheirateten Hochzeitsgästen gehalten. Mutter und Schwiegermutter oder zwei andere Frauen begleiten die Braut zum Baldachin. In der orthodoxen Zeremonie geht die Braut nun siebenmal um ihren Bräutigam herum.

Der Rabbiner tritt hinzu und spricht Segensworte. Dann steckt der Bräutigam seiner Braut einen Ring an und sagt in Hebräisch: „Durch diesen Ring bist du mir angelobt nach dem Gesetz Moses und Israels.“ Mittlerweile bekommt in liberalen Kreisen auch der Bräutigam von seiner Braut einen Ring überreicht. Mit diesem Akt ist das Paar offiziell vermählt. Ein Becher Wein, der den „Kelch des Lebens“ symbolisiert, wird gesegnet und beide trinken daraus. Anschließend zertritt der Bräutigam ein leeres Glas zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Zerbrechlichkeit des Glücks. Dazu zitiert er aus der Bibel „Wenn ich dich, Jerusalem, vergessen soll, soll mein rechter Arm vergessen werden.“

Die frischgebackenen Eheleute werden – bei Orthodoxen sofort, bei Liberalen später nach der Feier – in einem Zimmer allein gelassen. Das zweite Element der „Heiligung“, wie die Hochzeitszeremonie heißt, folgt: der Vollzug der Ehe. Erst nach dem Beischlaf ist die Eheschließung vollendet. Danach mischt sich das Paar wieder unter die feiernden Gäste.

Die Geschichte der Juden in Spanien (Sephardim oder Sefarden, nach der hebräischen Bezeichnung für Spanien „Sfarád“) reicht mehr als 2000 Jahre bis in die Zeit des Römischen Reichs zurück. Im Mittelalter entfaltete sich unter islamischer und später christlicher Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel ein blühendes jüdisches Leben, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Diese Blütezeit wurde im Jahr 1492 durch das Ausweisungsedikt (Alhambra-Edikt) der katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien beendet. Die Juden wurden entweder zur Konversion zum Christentum oder zur Emigration aus Spanien gezwungen. Über Jahrhunderte war danach in Spanien bis in die Neuzeit hinein kein offenes jüdisches Leben mehr möglich. Die aus Spanien vertriebenen Juden ließen sich im übrigen Mittelmeerraum nieder und behielten dabei zum Teil noch ihre aus Spanien mitgebrachte Kultur und Sprache, das Judenspanisch (Spaniolisch, Ladino) bei.

Die Musik des Konzerts stammt aus dem sefardischen Repertoire der „Kantigas de Novia“ („Brautlieder“). Allesamt Hochzeitslieder, wie sie über Jahrhunderte in den sefardischen Gemeinden des östlichen Mittelmeerraumes, auf dem Balkan und in der Türkei gesungen und gespielt wurden. Die sefardische Hochzeit „Boda“ wurde nicht an einem Tag abgefeiert, sondern war (und ist vielfach auch heute noch) eine mehrtägige, komplexe Angelegenheit. Sie ist durchzogen von unzähligen Liedern, die die verschiedenen Stationen der Festivitäten und Riten markieren, oft humorvoll, immer aber sehr rhythmisch geprägt. Vom Ehe-Vertrag (ketubá) zwischen den Familien, vom Abschied der jungen Frau, wenn sie das Heim ihrer Kindheit für ein neues Leben verlässt, über die Präsentation ihrer Mitgift (ajuar oder ajugar), das rituelle Bad, das Ankleiden der Braut (novia), bis zur Prozession der Braut zum Ort der Feier und dem Hochzeitsmahl – jede Station und nahezu jede Handlung und Vorbereitung wird begleitet von Liedern.

Die Tamburin-Spieler (tanaderas) sorgen dafür, dass jedes Lied zum richtigen Zeitpunkt einsetzt. Die Lieder feiern u.a. die Schönheit der Braut, loben die kostbaren Geschenke, machen sich lustig über die Skepsis der Schwiegermütter, geben dem Brautpaar gute Ratschläge, bewundern die Pracht des Festmahls und beschreiben die Rituale auf poetische oder fröhlich-humoristische Art und Weise.


La Roza Enflorese | Belgien
Das belgische Ensemble La Roza Enflorese widmet sich dem sefardischen monodischen (einstimmigen) Repertoire seit der Ensemble-Gründung im Jahr 2000. Dieses Repertoire hat seine Ursprünge in der mündlichen Überlieferung. Damit bietet es vielfältige Möglichkeiten für die Interpretation. Mit fünf Stamm-Musikern unterschiedlichen Backgrounds (darunter klassische Ausbildung, Jazz und Volksmusik) präsentiert das Ensemble diese Lieder als eine Begegnung von mittelalterlicher, traditioneller und moderner Musik, inspiriert von Instrumentaltechniken populärer Musik und Improvisation. Dem Ensemble ist es wichtig, eine vielfältige und kontrastreiche Klangwelt zu schaffen und auch Instrumente verschiedener Orte und Zeiten als Kennzeichen der sefardischen Kultur zu versammeln (Fiedel, Gambe, Laute, Vihuela, Oud, Kanun, Saz, Blockflöten, Krummhorn und Schlagzeug aus dem Nahen und Mittleren Osten). Der instrumentale Reichtum kontrastiert zwar mit der ursprünglichen sephardischen Tradition (derzufolge Lieder durch eine Sängerin maximal von einer Rahmentrommel begleitet aufgeführt wurden), ist aber andererseits ein eindrucksvolles Zeugnis der bereichernden Einflüsse seit der Zeit der Diaspora nach der Ausweisung aus Spanien 1492.

Dieser künstlerische Ansatz ist immer besonders dann von Bedeutung, wenn kulturelle Grenzen verwischt werden und sich verschiedene Kulturen begegnen. In ihren jüngsten Konzertprogrammen, besonders mit der fünften veröffentlichten CD („Exilio“, Frühjahr 2016) öffnet sich La Roza Enflorese für neue Repertoires: mittelalterliche einstimmige Lieder, die Mehrstimmigkeit der spanischen Renaissance und zeitgenössischen Originalkompositionen. www.roza-enflorese.be




Veranstalter

Festival Europäische Kirchenmusik
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Marktplatz 7
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4116
07171 603-4119

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